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Anne Berest war von Daniel Westhoff gebeten worden, zum 60. Jubiläum von "Bonjour Tristesse" ein Buch über seine Mutter Françoise Sagan zu schreiben. So entstand "Sagan. Paris 1954". (Links im Bild der Kulturbeauftragte von Le Lavandou, Raphael Dupouy, der 2026 ein eigenes Literatentreffen organisieren möchte). Foto: Rolf Liffers

Buchtipps von der “Fête du Livre”: Sagans Geist, der doppelte Hitler und die Blumen des Koran

Über 35.000 Literaturfreunde haben bei der jüngsten Fête du Livre du Var in Toulon Gelegenheit gehabt, mit über 300 Schriftstellern aus ganz Frankreich ins Gespräch zu kommen. Unter den aktuellen Stars der Szene, die sich bei der traditionsreichen (28.) Veranstaltung zum persönlichen Dialog anboten, auch die Bestseller-Autoren Aurélie Valognes, Anne Berest, Mathias Malzieu und Éric-Emmanuel Schmitt. Über allem schwebte drei Tage lang der Geist von Françoise Sagan (1935-2004), die mit gerade 18 Lenzen und dem in Saint-Tropez spielenden Debütroman „Bonjour Tristesse“ unverhofft ihren späteren internationalen Ruf begründet hatte und nun zur Patronin der Buchmesse erkoren wurde (azurblau.fr hatte ihr bereits 2024 ein großes Porträt gewidmet).

Aurélie Valognes, die 2025 als Ehrenpräsidentin der Fête fungierte und an ihrem Stand ständig von Autogrammjägern umlagert war, trat bei einer der zahlreichen „conferences littéraires“ im Doppelpack mit Sagans einzigem Sohn, Denis Westhoff, auf. Westhoff (63), Spross ihrer ersten und kurzen Ehe mit dem amerikanischen Mannequin Bob Westhoff, schilderte in Toulon, dass er lange gezögert habe, das Erbe seiner Mutter überhaupt erst anzutreten. Denn von ihrer Brille abgesehen, habe sie ihm nach ihrem exzessiven Leben nichts vermacht außer anderthalb Millionen Euro Schulden und – vielleicht – seine Augenpartie. Schließlich habe er dann doch zugestimmt – denn da war ja immerhin noch ihr literarisches Vermächtnis, auf das der Fiskus allerdings längst die Tantiemenrechte beschlagnahmt und ihr geliebtes Ferienhaus in der Normandie gepfändet hatte. Doch das Spätwerk der hoffnungslos drogensüchtigen Millionenautorin fand kaum noch Beachtung und verkaufte sich nur schleppend.

1964 erschien – nach etlichen Absagen und dann auch nur in Kleinstauflage – ihr selbstmitleidloses Entzugstagebuch „Toxique“ (deutsch: „Ich glaube, ich liebe niemanden mehr“) mit Zeichnungen von Bernard Buffet. Im Berliner Aufbau- und in verschiedenen anderen Verlagen, in Frankreich bei Stock, wo Berufsfotograf Westhoff seither die Werke seiner Mutter hauptsächlich wiederveröffentlicht. Aber auch in Russland. Ja, sogar in Japan. So sei ihr Werk „langsam wieder modern“ geworden, „moderner vielleicht denn je“, wundert sich Westhoff selbst ein wenig.

Anne Berest geriet mehr durch Zufall an das Thema Sagan. Denis Westhoff hatte sie überraschend gebeten, zum 60. Jubiläum von „Bonjour Tristesse“ ein Buch über seine Mutter zu schreiben, das leider nicht auf Deutsch (wohl aber auf Englisch) erschienen ist. Leider nicht, weil es sich stilistisch großartig liest, obwohl es nur 170 Seiten umfasst. Herausgekommen ist mit „Sagan, Paris 1954“ eine Mischung zwischen Roman, Autobiografie und Fiktion. Typisch für Berest, die in Toulon erklärte, „jedes Leben enthält auch Roman-Elemente“. Insofern habe sie sich wie in ihren anderen biografischen Romanen „selbst und ihre eigene Geschichte mit eingebracht“, zumal Westhoff darauf ausdrücklich Wert gelegt hätte. „Sagan. Paris 1954“ sei also nicht nur ein Buch über Sagan, „sondern auch ein sehr persönliches Buch“ über sich selbst. Wie auch immer: Die Sagan sei für die jungen Frauen der damaligen Zeit „ein echtes Phänomen“ gewesen, für die es sich bis dahin nicht gehört gehabt hatte, ihre Herzen öffentlich auszuschütten.

Aurélie Valognes
Die Erfolgsautorin Aurélie Valognes, Ehrenpräsidentin der Buchmesse, trat in Toulon im Doppelpack mit dem einzigen Sohn von Francoise Sagan, Denis Westhoff (63), auf. 2024 erwarb sie von Charlotte Gainsbourg das Manoir von Jane Birkin. Dort lässt sie Nachwuchsautorinnen während kleiner Klausuren ihr literarisches Talent erproben. Foto: Rolf Liffers

Valognes wiederum, die sich irgendwie auch als Enkelin von Sagan empfindet, hat jedoch einen anderen, aber durchaus nicht minder passenden feministischen Ansatz. „Gleichwohl werde ich niemals so sein wie sie, wie Virginia Woolf oder Victor Hugo. Ich habe meine eigene Rolle gefunden und erlaube mir, meinen Mund aufzumachen und Dinge zu erzählen, die mir am Herzen liegen, und hoffe, der Welt das Leben etwas freundlicher machen zu können“, erläuterte sie in Toulon. Die Werke der Romancière behandeln gesellschaftliche Themen mit Schwerpunkten wie Frauenrechte und Einsamkeit im Alter. In den letzten elf Jahren ist von Valognes jährlich ein Buch erschienen, und alle sind Bestseller geworden. Ihr letzter Roman „La Fugue“ ist bei Lattés herausgekommen. Darin schildert sie die Geschichte einer Frau in den Fünfzigern, die sich von Ehemann und Kindern „verabschiedet“, um in einem abgelegenen alten Haus zu sich selbst zu finden. 

Dazu passt die Entscheidung der 42-jährigen Bretonin, 2024 im winzigen Lannilis (Departement Finistère) am Ärmelkanal von Charlotte Gainsbourg das frühere Landhaus von Jane Birkin (1946-2023) zu erwerben, wohin sie sich manchmal zurückzieht, um ungestört schreiben zu können. Zweimal im Jahr aber will sie das „Manoir der Dichter“ für kleine Sessionen von je zehn Tagen und je sechs Nachwuchsautorinnen öffnen, die erste literarische Gehversuche machen wollen. Sie helfe dann  ihren Gästen, ihre Manuskripte zu überarbeiten, vor allem aber, Projekte auch bei Selbstzweifeln nicht aufzugeben, sondern bis zum Ende durchzuziehen und schließlich bei einer Suche nach Verlegern zu assistieren. Die erste Klausur habe im September 2025 stattgefunden und „ich fühle jetzt schon, dass es immer mehr werden werden, zumal die Begegnungen neben den literarischen auch ein unglaubliches menschliches Abenteuer darstellen“. 

Zurück zu Anne Berest: Zusammen mit ihrer Schwester Claire hat sie u.a. im Berliner Aufbau Verlag eine feinsinnige, sensible und intelligente Romanbiographie über ihre Urgroßmutter Gabrielle Buffet-Picabia („Ein Leben für die Avantgarde“) vorgelegt, einer schillernden Persönlichkeit, die als feministischer Freigeist ihrer Zeit weit voraus und 1985 mit 104 Jahren gestorben war. Frau Gabrielle war Musikerin, Kunsthistorikerin und Schriftstellerin, die in erster Ehe mit dem skandalumwitterten Maler Francis Picabia verheiratet und dem Dadaisten sehr verbunden war. Sie und ihr Mann, die vier gemeinsame Kinder hatten, standen in regem Austausch mit anderen Künstlern wie Hans Arp, Tristan Tzara, Marie Laurencin und Gertrude Stein. Guillaume Apollinaire und Marcel Duchamps müssen Gabrielle reinst vergöttert haben. 1941 hatte sie sich der Resistance angeschlossen und dort auch Samuel Becket kennengelernt.

Éric-Emanuel Schmitt
Verspätet, dann aber ganz Ohr in Toulon: Éric-Emanuel Schmitt, der durch seinen Roman „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ weltberühmt wurde. Der Erfolgsautor bemüht sich in seinen Büchern um Verständnis unter den monotheistischen Religionen. Foto: Rolf Liffers

Éric-Emmanuel Schmitt (65) traf so verspätet in Toulon ein, dass seine Anhänger lange ausharren mussten, bis sie ihre Fragen insbesondere zu  seinem ersten Bestseller „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ loswerden konnten, zu dem Buch also, dass den französisch-belgischen „Geschichtenerzähler“, als der er sich selbst bezeichnet, weltberühmt gemacht hat. 2003 wurde der Bestseller von 1999 bereits mit Omar Sharif in der Hauptrolle auch verfilmt, 2004 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Darin beschreibt er, wie ein Elfjähriger jeden Tag für sich und seinen Vater das Abendessen zubereiten muss und die Zutaten in dem kleinen Geschäft von Monsieur Ibrahim einkauft. Allmählich entwickelt sich zwischen dem jungen Pariser Juden und dem lebensweisen alten Muslim aus der Türkei eine enge Freundschaft – eine mit zurückhaltendem Humor erzählte Parabel über gegenseitiges Verständnis, das sich ungeachtet von Religion und Altersunterschied entwickelt.

Überhaupt nehmen die Weltreligionen in Schmitts Werk breiten Raum ein. In seinem mehrteiligen „Cycle de l’invisible“ bemüht er sich um eine Annäherung der Religionen und Kulturen. „Milarepa“ ist der erste Band dieser Reihe und stellt den tibetischen Buddhismus dar. In dessen Fortsetzung („Oscar und die Dame in Rosa„) thematisiert er das Christentum. Mit „Das Kind von Noah“, einem Vergleich von Judentum und Christentum, setzt er die Reihe fort. Die weiteren Bände dieser Reihe sind: „Vom Sumo, der nicht dick werden konnte“, „Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“, „Madame Pylinska und das Geheimnis von Chopin“ und „Felix und die Quelle des Lebens“.

Schon 2001 erschien Schmitts Roman „La Part de l’autre“ (Deutsch: „Adolf Hitler – zwei Leben“). Dieser Alternativwelt-Roman beschreibt zwei unterschiedliche Lebenswege Adolf Hitlers, die parallel verlaufen. Schmitt erzählt in einer Version das tatsächliche Leben Hitlers, in der anderen wird der gebürtige Österreicher 1908 nicht an der Wiener Kunstakademie abgelehnt, sondern aufgenommen. Folglich wird er auch nicht zum Diktator.

2009 führte Philosoph Schmitt bei der Verfilmung seines Romans „Oscar und die Dame in Rosaselbst Regie. Die Universität Koblenz-Landau zeichnete ihn im Januar 2014 mit der Poetik-Dozentur aus. In Toulon zeigte sich das Mitglied der Academie Goncourt demütig und dankbar dafür, dass sich Millionen Leser rund um den Erdball so sehr für seine Arbeit interessieren.

Mathias Malzieu
Mathias Malzieu – von Haus aus Rocker und Frontmann seiner Kultband „Dionysos“ – ist als Verfasser märchenhaft-fiktionaler Bücher bekannt geworden. In Toulon gehörte er zu den Ehrengästen. Die Titel „Die Mechanik des Herzens“ und „Der Mann, der das Herz der Katzen schlagen hören konnte“ erreichten Millionenauflagen. Foto: Rolf Liffers

Auf den ersten Blick das krasse Gegenstück zu ihm scheint der vierte Ehrengast der „Fête“ zu sein, Mathias Malzieu (51), der weithin als „Alchimist der Wörter“ verehrt  wird. Wie Schmitt allerdings fasziniert auch er seine „Follower“ in Buch und Film auf verschlungenen Pfaden zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Seine Karriere begann er übrigens als Rocker, Frontmann einer eigenen Kultband „Dionysos“, die in Kürze wieder an der Côte d’Azur auftritt. Bereits mit seinem ersten verrückten Roman „Die Mechanik des Herzens“  schaffte Malzieu seinen literarischen Durchbruch. Seine folgenden Romane erreichten international ebenfalls Millionenauflagen, und auch sein letztes Buch „Der Mann, der das Herz der Katzen schlagen hören konnte“ (2025), scheint wieder ein Knaller zu werden.

In diesem „Katzen-Buch“ spielen Tornado und June die Hauptrollen, die in der Geschichte Menschen trösten, die ein ungeborenes Kind verloren haben. Zwei Katzen, die, „genährt“ von Poesie und Musik, zu denken begonnen haben und sich ständig austauschen. Sie leben auf einem Hausboot mit denen, die sich für ihre Besitzer halten und nicht besonders gut darin sind, sich wieder aufzurichten. June trägt in ihrem Herzen den Geist von Macha, dem kleinen Mädchen, das hätte geboren werden können. Aber als die Geschichte beginnt, droht ein weiteres Drama. Tornado wird krank und hat vielleicht nur noch wenige Tage zu leben. Kann eine Wunderbehandlung sie retten?

Rolf Liffers